BeEnigma - MUT ZUR UTOPIE

Xl_c1cea8cf-7c27-47bf-bc48-57c0acdde143 © Georg Tedeschi

6. Juni 2021

Elbphilharmonie Hamburg

TONALi – der Zukunft Gehör verschaffen

Die Hamburger Initiative TONALi bricht zu neuen Ufern auf und entwickelt immer neue, kreative, verstörende Begegnungen im Zentrum und am Rande der klassischen Musikszene - das Geheimnis Beethoven („Beethoven Enigma = BeEnigma“) und zwei zeitgeistige Awards gehören auch dazu  

MUT ZUR UTOPIE

Die in Hamburg vor über zehn Jahren gegründete Initiative TONALi widmet sich der Begegnung von vor allem jungen Menschen mit klassischer Musik und hatte ursprünglich zwei Schwerpunkte: einen Wettbewerb für begabte junge Musiker im Alter zwischen 16 und 21 Jahren, veranstaltet jährlich umschichtig für Klavier, Cello und Violine. Der Wettbewerb war bei den Teilnehmern beliebt: man hat nicht immer einen Preis gewonnen, aber man war in guten Händen und kehrten mit neuen Freundschaften zurück.

Darüber hinaus arbeitet TONALi mit unterschiedlichen Schultypen und in allen Hamburger Stadtteilen. Dort mobilisieren Schülermanager vor Ort die Mitschüler ihrer gesamten Schule, um mit einem jeweils ihrer Schule zugeordneten jungen Musiker und Wettbewerbsteilnehmer Konzerte zu organisieren. Sie bemühen sich auch, so viele Tickets wie möglich für die Endausscheidung des Wettbewerbs an Gleichaltrige zu einem niedrigschwelligen Preis zu verkaufen. Das führt regelmäßig dazu, dass vor allem junge Menschen das Abschlusskonzert des Wettbewerbs im großen Saal der Elbphilharmonie erleben.

Von diesem Ursprung hat sich die Aktivität in mannigfaltigste Varianten  aufgegliedert. Nur allein die Aufzählung aller Innovationen, kreativen Workshops, irritierenden Begegnungen und Provokationen erforderte inzwischen Kompendiumstärke.  

TONLALi hat mit seiner unermüdlichen, kommunikativen und kreativen Arbeit eine hohe Reputation für seine Ideen, Begegnungen, und Beiträge zur Begegnung mit Künstlern der klassischen Musik und zum Demokratieverständnis sowie viele Dinge mehr erworben und erfreut sich einer sehr weitgehenden Unterstützung durch viele namhafte Stiftungen sowie auch eines eigenen Freundeskreises. Die Initiative wurde mit dem ECHO Klassik für Nachwuchsförderung ausgezeichnet. Zu den Förderern gehört Die Beauftragte für Kultur und Medien der Bundesregierung Deutschland, die Beethoven Jubiläumsgesellschaft Bonn, die Art Mentor Foundation Lucerne sowie die Rusch Stiftung. 

TONALi jedoch ist umtriebig genug, sich darauf nicht auszuruhen: Man bricht zu neuen Ufern auf. Der Wettbewerb soll in der bewährten Form nicht mehr stattfinden. Jungen Musikern sollen nunmehr in einem vielschichtigen, dreijährigen Akademieprogramm vielseitige Alternativen zur Ausprägung ihrer eigenen kreativen Möglichkeiten geboten werden. Die Altersgrenze wird weiter geöffnet und es werden auch Künstler mit anderen Instrumente oder Ausrichtungen berücksichtigt.    

Als Paukenschlag dieser Veränderung wurden jetzt zwei für die Geschichte von TONALi ungewöhnliche Awards verliehen und endlich die bereits für das letzte Jahr geplante Uraufführung einer sechsteiligen Komposition umgesetzt: zum Beethovenjahr hatte man fünf bedeutenden zeitgenössischen Komponisten Aufträge für ein etwa zehn minütiges Werk erteilt. Einzige Bedingungen waren, dass Beethoven nicht direkt mit seiner Musik zitiert und auch keine elektronische Musik verwandt werden sollte. Der sechste Teil des Werkes bestand schließlich in der Komposition eines Textes des Poetry Slammers Timo Brunke. Dieser analysierte eine von TONALi initiierte Online-Befragung zu „Was fällt Dir bei Beethoven ein“ und integrierte die Rückäußerungen durch einen eigenen, intensiven Vortrag zwischen die musikalischen Werke.      

Die Uraufführungen spielt das TONALi-Orchester. Die Nachwuchsmusiker und -musikerinnen dieses neuen Klangkörpers zählen nicht nur zu den besten ihres Fachs, sie engagieren sich auch gesellschaftlich. Die Orchestermitglieder werden auf Patenschulen in Hamburg und Berlin aufgeteilt, um dort in Workshops, Schulkonzerten, Ausstellungen und Konzertbesuchen Musik zu vermitteln. Die Schüler wiederum entwickelten eine digitale Ausstellungen, die dem Publikum die Hintergründe der Kompositionen nahebringt. 

Vier der Komponisten und der PoetrySlammer kommen in einem aufgezeichneten Vorgespräch über ihre Kompositionen mit einem der Gründer – Amadeus Templeton – auf youtube zu Wort. Darin äußern sie sich, wie sie sich jeweils persönlich dem Enigma Beethoven („BeEnigma“) genähert haben. So betont beispielsweise José María Sánchez Verdú, dass er Anregungen aus dem Denken von Aby Warburg gefolgt ist. Ihn faszinieren die Präsentation von Bewegungssystemen, die er in der Musik von Beethoven empfindet. 

Manfred Trojahn fasziniert an Beethoven, dass er als erster Komponist über den Faktor des „Künstlerseins“ nachgedacht hat, worin ihm jeder nachfolgenden Künstler schließlich gefolgt ist. Auch Timo Brunke gibt Einblick in seine Gedanken zur Entstehung seines speziellen Beitrags.

Die anderen beauftragten Komponisten sind Eivind Buene, Peter Ruzicka und Judit Varga. 

Aufschlussreich sind auch die Ausführungen zur Arbeit mit jungen Menschen bzw. experimentellen Formen der Komposition. Jeder schätzt die Anregung durch die Begegnung und Zusammenarbeit mit Lernenden. Die Gruppe ist sich auch einig, dass bei vielen Kindern im Laufe des Erziehungs- und Entwicklungsprozesses oftmals kreative und spielerische Elemente der Persönlichkeit verloren gehen. Durchaus unterschiedlich wird allerdings die Konsequenz daraus gewertet: „Vielleicht muss auch nicht jedes Kind ein Künstler sein oder werden“ ist als Meinung in der Runde durchaus salonfähig.  

Hinsichtlich offener kreativer Kompositionstechniken verweist man auf Erfahrungen aus den 60er und 70er Jahren, in denen man bereits mit gewissermaßen „absichtlich unvollendeten“ Kompositionsbeiträgen experimentiert hat und Studenten die Fertigstellung von Werken versuchsweise überlassen hat. Am Ende ist man sich in der Diskussion einig, dass dies jedoch ein erzieherisch-theoretischer Ansatz war, da man letztendlich die Verantwortung für sein eigenes Werk nicht aus der Hand geben kann und will. Das trifft auch auf den PoetrySlammer zu.        

Unabhängig von den Uraufführungen fanden die Preisverleihungen statt: Basierend auf dem Input von Nominatoren, die beispielsweise aus dem Umfeld des Beethoven Fest Bonn, dem Podium Festival Esslingen oder dem Heidelberger Frühling stammen, hat das TONALi Team aus den 40 Nominierten der Shortlist die beiden Preise ausgewählt. Unter den Nominierten befanden sich neben vielen individuellen Künstlern so klangvolle Namen wie Das Orchester des West-östlichen Divans sowie sowie die Initiative Rap for Refugees. Ziel der Preisverleihung ist letztlich die Auszeichnung für den Beitrag der Preisträger für eine neue Anschlussfähigkeit der klassischen Musik in der Gesellschaft.      

In der Kategorie „Aufbruch“ ging er an eine Initiative, die „...künstlerisch-soziales Neuland wagt und so gesellschaftlichen Fortschritt beflügelt“. Hier wird mit 10.000 Euro das Berliner Ensemble The String Archestra unterstützt, das sich für die Werke und Auftritte von BIPOC-Komponisten und -komponistinnen sowie Musikern und Musikerinnen einsetzt. Alle Mitglieder des Ensembles sind vor allem selber Repräsentanten von BIPOC-Musikern. Die Darbietung einer kleinen südamerikanischen Komposition durch das Ensemble ist nach den klassischen Kriterien von TONALi nicht automatisch wettbewerbsreif.  

In der Kategorie „Mut zur Utopie“ mit immerhin 25.000 Euro wird der Sänger, Künstler und Musiker Elia Rediger ausgezeichnet, der bekannt ist für sein politisches Engagement „... zwischen Oper, Performance und der Welt der Popmusik“, mit dem Schweizer Milo Rau zusammen arbeitet und auch von Schlingensief beeindruckt ist. Sein kurzer Vortrag mit Anmerkungen zu einem „ ...Requiem für Alice Weidel...“ mit den Noten A-F-D konnte nur einen eher andeutungsweisen Eindruck über dein Denken und Schaffen vermitteln.   

Das TONAli-Orchester wird das sechsteilige Werk nach Hamburg auch in Berlin aufführen. Ein weiterer Tourneeplan über Köln, Luzern und Wien wurde leider corona-bedingt abgesagt.  

Die Aufführung in der Elbphilharmonie, Preisverleihung sowie das Werkstattgespräch und auch andere Einblicke in die Aktivitäten von TONALi sind auch bei youtube zu finden:

Die gesamte Veranstaltung im großen Saal der Elbphilharmonie unter:  https://www.youtube.com/watch?v=kBUb2fqCvsQ.

Das Gespräch mit den Komponisten und dem PoetrySlammer unter: https://www.youtube.com/watch?v=NBVABcMtZoM.

Auf der TONALi-Webseite kann man sich einen Gesamtüberblick über die mehr als vielfältigen Aktivitäten, Initiativen und Veranstaltungen der Initiative verschaffen: https://www.tonali.de.

 

Achim Dombrowski

Copyright: Georg Tedeschi (https://www.georgtedeschi.com)

 

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