
Oper Frankfurt
GUERCŒUR
(Albéric Magnard)
Premiere 2. Februar 2025
Der Komponist Albéric Magnard (1865 – 1914) wächst in großbürgerlichen Verhältnissen auf. Sein Vater ist Herausgeber und Chefredakteur von Le Figaro sowie Bestsellerautor. Für den Broterwerb braucht der Sohn nicht zu arbeiten. Er sucht sich über Umwege seine Berufung in der Musik.
Mit einem Erweckungserlebnis kommt er von einer Tristan und Isolde Aufführung in Bayreuth zurück und wird folgerichtig ein Hauptvertreter des Wagnérisme in Frankreich. Magnard hat sich außerdem auch immer schon für den Feminismus eingesetzt.
Viel zu früh kommt er zu Beginn des ersten Weltkrieges in einer Auseinandersetzung mit deutschen Soldaten ums Leben. Viele seine Partituren verbrennen in seinem Haus mit ihm.
Auch die Partitur des Guercœur wiederersteht nur durch die Rekonstruktion und teilweise Nachkomposition seines Freundes Guy Ropartz. Nach der Uraufführung 1931 in Paris verschwindet das Werk lange Zeit von der Bühne, bis es in Osnabrück, danach 2024 in Straßburg und jetzt schließlich in Frankfurt wieder auf die Bretter und in den Orchestergraben gelangt.
Der Musikstil ist der Handlung entsprechend oratorisch-parsivalesk mit himmlischen Längen und sowohl Elemente der französischen wie auch der deutschen Musiktradition. Magnard hat wie auch Wagner seine eigenen Texte geschrieben.
Guercœur hält es bei den vier Göttinnen im Jenseits nicht mehr aus, er will zurück in irdische Gefilde. Unter der Bedingung, dass er das Leiden erfährt, welches er zuvor nie erfahren musste, wird er von den Göttinnen entlassen. In der Welt muss Guercœur tiefe Enttäuschen durchleben.
Seine Geliebte hat sich in einer neuen Beziehung seinem ehemaligen Schüler Heurtal zugewandt. Heurtal stellt sich gegen die Lehren Guercœurs und hat sich von einer liberalen Haltung zum Populisten und Tyrannen entwickelt. Im Parlament kann sich Guercœur mit seinen alten Standpunkten nicht mehr durchsetzen; er wird von der Menge getötet. Zynisch erwacht er ohne Glauben an die Durchsetzung seiner alten Ideale wieder in der Schattenwelt. Die Göttin Vérité prophezeit der Menschheit Liebe, Freiheit und Frieden.
Je nach Geschmack kann man sich an verschiedene Wagner-Werke erinnert fühlen.
Der Regisseur David Hermann zusammen mit dem mit Bühnenbildner Jo Schramm sowie Sibylle Wallum für die Kostüme und Joachim Klein für die Lichtregie agiert sensibel und feinfühlig mit den Verschränkungen der verschiedenen Ebenen im Jenseits und der Realität, auf der persönlichen und politischen Ebene. Die Göttinnen und andere Schattenfiguren agieren unter den Lebenden, werden von diesen jedoch nicht wahrgenommen. Ihre Maske und ihre Kleidung sind farblich fahl gestaltet im Gegensatz zu den Lebenden.
Als Auftrittsorte weltlichen Handelns wird das Modell des Kanzlerbungalows der jungen und noch nicht gefestigten Bonner Republik gezeigt; später wechselt die Szenerie in einen dem Plenarsaal der Vereinten Nationen nachempfundenen Raum.
Die Fragilität demokratischer Prozesse, junger Demokratien und der Untergang des Idealisten steht für das Regieteam im Mittelpunkt der Betrachtung. Das Geschehen wirkt für Hermann wie ein Seismograph auch für politische Entwicklungen unserer Tage.
Hermann weiß die Charaktere, insbesondere die Verletzlichkeit Guercœurs und seiner ehemaligen geliebten Giselle in weiten Bögen zu entwickeln und in intensiven Szenen beeindruckend nachzuspüren. Auch die Zeichnung der Charaktergegensätze Guercœur – Heurtal gelingt überzeugend. Nicht weniger bewegend entwickeln sich die Chorszenen im dritten Teil, die sich durch die Frustrationen der Bevölkerung und die politischen Zuspitzungen bis zur Ermordung Guercœurs steigern.
Die tendenziell antiseptische Geste der Göttinnen setzt einen deutlichen Kontrast.
Diese Frankfurter Erstaufführung des Werkes stellte zugleich auch die Debuts für alle Sänger in den Rollen der Oper dar.
Der Guercœur von Domen Križaj, der erst im September den Prinz von Homburg erfolgreich gesungen hat, überzeugt auf ganzer Linie. Die Elemente des Sehnens, der Enttäuschung, des immer entrückteren Bezugs zum Irdischen Geschehen und seine Verzweiflung über den persönlichen und politischen Verlust vermag der Sängerdarsteller ergreifend zur Darstellung zu bringen.
Claudia Mahnke fügt mit der Giselle ein weiteres bewegendes Rollenportrait ihrem großen Repertoire hinzu. Sie ist seit Jahren eine der wesentlichsten Stützen des Frankfurter Ensembles.
Auch AJ Glueckert hat sich mit Heurtal die Charakterdarstellung einer vielschichtigen Figur erarbeitet, deren Darstellung der politischen Skrupellosigkeit unter die Haut geht.
Mit der Vérité – gewissermaßen Chefin im Quartett der Göttinnen – spielt Anna Gabler eine wichtige Rolle. Sie erscheint im Schlussgesangs weniger als Mensch denn als Verkörperung einer Idee des Guten im Menschen, einer bevorstehenden Realisierung von Liebe, Freiheit und Frieden unter den Menschen.
Bianca Andrew als Bonté, Bianca Tognocchi als Beauté und Judita Nagyová als Souffrance runden das Quartett der Göttinnen wirkungsvoll ab.
Großen Effekt machen Chor und Extrachor Herren der Oper Frankfurt unter Virginie Déjos.
Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter der Leitung von Marie Jacquot brilliert in der französisch-deutschen Klangmischung mit Bravour. Die langen Melodiebögen und anspruchsvoll orchestrierten Passagen kommen mit Innerlichkeit und höchster Differenzierung zu Gehör - ganz so als ob das Orchester gerade mit dieser besonderen Musik schon lange vertraut wäre. Marie Jacquot gibt ihr Debut am Frankfurter Haus. Eine Aufzählung Ihrer aktuellen und bevorstehenden Leitungsfunktionen, bzw. Debuts der letzten Jahre nähme seitenlang Platz in Anspruch. In Frankfurt jedenfalls ist ihre Arbeit mit großem Respekt und viel Zustimmung aufgenommen worden.
Das Publikum folgt dem annähernd vierstündigen Opernabend mit höchster Konzentration und feiert durchgehend alle Beteiligten mit herzlichem, langanhaltendem Beifall und vielen Bravorufen.
Copyright: Barbara Aumüller
Achim Dombrowski
05. Februar 2025 | Drucken
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