Staatsoper München: Katja Kabanova - Chronik eines angekündigten Todes

Xl_kata_kabanova_2025_c.winters_v.urmana_j.daszak_c_g.schied © Geoffroy Schied

KATJA KABANOVA
(Leoš Janáček)
Premiere am 17. März 2025

Besuchte Aufführung am 30. März 2025

Bayerische Staatsoper München

Es fängt verführerisch an: noch vor dem Beginn der Vorstellung tanzt eine Gruppe von Paaren Tango auf der offenen Bühne der Staatsoper. Bald merken wir, dass hier der Tango nur als ein zwiespältiges Medium der Begegnung gilt: die Umklammerung der Körper ist eine verzweifelte Fantasie der Harmonie, eine vorgetäuschte Leidenschaft. Eine Leidenschaft, die es in der Oper Katja Kabanova nicht gibt. 

Das von Leoš Janáček komponierte 1921 in Brünn herausgebrachte Werk basiert auf dem Schauspiel Gewitter von Alexander Ostrowski, uraufgeführt in Moskau 1859. Janacek hat in seiner Katja Kabanova über die Hälfte des Textes gekürzt und fokussiert auf das Schicksal der Titelheldin, ihre Einsamkeit, ihr Leiden, den unveränderlich grausamen Mechanismen der emotionalen und psychischen Unterdrückung. Dem nicht Weggehen können. Katja besinnt sich auf ihre Kindheit, die Anziehung der religiösen Transzendenz, aber auch die Verführungskraft der Naturgewalt, die für sie emotionale Fluchtpunkte aus der Öde und Unterdrückung bedeuten.

Regisseur Krzysztof Warlikowski mit seiner langjährigen Partnerin Małgorzata Szczęśniak für Bühne und Kostüme intensivieren die Sichtweise ihrer Inszenierung noch einmal extremer auf die tragische Figur der Katja, ihre Ängste und Verzweiflung und gehen damit gewissermaßen sogar noch einmal über die Perspektive des Komponisten hinaus.

Die junge Frau lebt unter Knute einer Schwiegermutter mit übergroßem Ego, die ihren eigenen Sohn Tichon – den Ehemann Katjas – maßregelt und unterdrückt, keine Entfaltung des Paares erlaubt. Sie selbst lebt in einer scheinheiligen Beziehung zu einem anderen reichen Mitglied dieser Gesellschaft, Dikoj – ein Musterbeispiel bigotter, äußerlicher Ehrhaftigkeit. 

Eine letzte Hoffnung für Katja ist der so feinsinnige wie lebensuntüchtige Student Boris, der nur wegen der Aussicht auf ein Erbe aus Moskau aufs Land gekommen ist. Mit diesem verbindet Katja das kurze  Aufglühen einer schwärmerischen Liebesbeziehung, die jedoch unmittelbar in Katjas unausweichlichem, letztendlich tödlichem Schuldgefühl endet. Bei der heimlichen Begegnung zur Nacht entschwinden Katja und Boris durch eine Tür unter der Aufschrift ‚toilet‘ – ein trostloses Bild. Der potentielle Partner Boris kehrt aus dieser Begegnung starr und entindividualisiert mit weißer Maske, wie aus einem amerikanischen Horror-Film zurück und gibt keine nennenswerten Lebenszeichen mehr von sich. Zu keinem Zeitpunkt begegnet er der Frau Katja als liebender, oder zumindest zugeneigter Partner.  

Selbst die schönen Volksliedmelodien des anderen, jungen und hoffnungsfrohen Liebespaares Varvara und Kudrjaš werden in ein kühl-distanziertes, ja zynisches Bild übertragen. Die beiden Liebenden singen ihre Lieder in Mikrophone wie bei einer Bühnen-Show, jedoch ohne Publikum, gewissermaßen als Hoffnung ins Nichts der Nacht, vielleicht eines Tonträgers, den keiner hört. 

Für Katja verbleibt schließlich als Fluchtpunkt nur ihr Traumbild von der Natur mit riesigen, gelben Blumenfeldern und ganz zuletzt die Wolga als geheimnisvoller, verlockender Raum mit der Aussicht auf eine Vereinigung mit der Natur wie bei einem sexuellen Orgasmus.

Die gesamte Riesenbühne des Nationaltheaters wird zu einem psycho-sozialen Funktionsraum der trostlosen gesellschaftlichen Verhältnisse und Katjas Not. Erheblichen Anteil an der wirkmächtigen Umsetzung hat die Video-Kunst von Kamil Polak sowie die Lichtregie von Felice Ross. Katja ist in ihrem Monolog unmittelbar vor eine Kamera positioniert, die das Bild ihres Kopfes mit dem Ausdruck all ihren Leidens und ihrer Verzweiflung auf die übergroße, rückwärtige Bühnenwand überträgt. 

Die Optik mündet letztlich in einen sinnlich-übermächtigen Malstrom suizidaler Erlösungssehnsucht, der mit Katjas Sprung in die Wolga endet und sich mit seiner erdrückenden, bildhaft-emotionalen Wirkung unerbittlich auf das Auditorium überträgt.     

Die Bildmacht dieser Inszenierung ist dabei für den Betrachter und Zuhörer dermaßen überwältigend, dass diese – von der Protagonistin der Titelpartie abgesehen – die weiteren Sänger, ja gar den Orchesterklang sinnlich zu verdrängen droht. 

Das gilt nicht für Corinne Winters in der Titelpartie. Sie trifft die spezifische Gesangslinie Janáčeks bewegend und singt ganz eng am Gestus der tschechischen Sprache mit dem ihr eigenen, gesanglich teilweise spröden Duktus. Ihre noch junge, unverbrauchte, außerordentlich klangschöne und bewegliche Stimme kann selbst die kleinsten sprachlich gegründeten Modulationen erfassen und stimmlich sinnhaft formen. Die in Janáčeks Musiksprache auf diesem spezifischen Wort-Ton-Geflecht gründenden gesanglichen Phrasen und Bögen erblühen mit unvergleichlich bewegendem emotionalen Ausdrucksgehalt. Die Sängerin verkörperte bereits mit großem Erfolg die Partie bei den Salzburger Festspielen 2022 und Janáčeks Jenufa bei der Wiederaufnahme im Januar 2025 an der Royal Opera in London.

Schwiegermutter Kabanicha ist wirkmächtig besetzt. Die ungebrochene Bühnenpräsenz von Violeta Urmana ist gepaart mit dem klugen Einsatz ihres fulminanten stimmlichen Materials. Die Kunst sensibler Zwischentöne, die Vermeidung eines allzu herrischen Auftrumpfens durch dominante stimmliche Gesten geben der Figur ihre unmenschliche Unnahbarkeit, die in aller Selbstverständlichkeit und Unausweichlichkeit die gesellschaftlichen Verhältnisse perpetuiert und Katja in den Tod treibt.    

Der Boris von Pavel Černoch und John Daszak als Tichon sind vielleicht die besten stimmlichen Vertreter ihrer Rollen, die man heute finden kann – sie beugen sich in ihren Aufritten ganz ihren aufgegebenen Erscheinungsbildern, die sie in der Wahrnehmung mitunter fast zum Verschwinden bringen. Auch Milan Siljanov entwickelt die Partie des Dikoj  stimmlich und darstellerisch zurückhaltend.   

Das Liebespaar Varvara von Ena Pongrac und Kudrjaš von James Ley bewähren sich klangschön mit fast kindlichem, auf jeden Fall frischen Ausdruck in den volksliedhaften Teilen ihrer Partien und wie Lichtblicke in der Düsternis der aussichtslosen Handlung.  

Das Bayerisches Staatsorchester mit Marc Albrecht spielt bewegend und präzise und vermag scheinbar mühelos die spezifische Musiksprache Janáčeks in allen Facetten zum Klingen zu bringen, ohne allerdings wirklich neue musikalische Perspektiven für das Werk zu eröffnen.    

Tänzer und Tänzerinnen aus der Münchener Tangoszene tragen an verschiedenen Stellen der Vorstellung wirkungsvoll zum atmosphärischen Gesamtbild bei.   

Begeisterungsstürme für Corinne Winters und langanhaltender Beifall mit bravi-Rufen für die Sänger sowie für das Orchester.

Achim Dombrowski

 

Copyright: Geoffroy Schied

 

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