
Pjotr I Tschaikowski Eugen Onegin Tiroler Landestheater Premiere 22.3.2024
Ein neuer Eugen Onegin in Innsbruck - Engagiertes Sängerensemble in belangloser Nichtregie
Autobiographische Züge werden immer wieder in Piotr Ilitch Tchaïkovskis Oper Eugen Onegin gesehen. Sein bedeutendes Werk erzählt von der jugendlich entbrannten Liebe der Teenagerin Tatjana Larina zu dem Titelhelden. Dieser wird als sonderbarer vermögender Außenseiter gezeichnet, der auf dem Landgut der Larina für viel Unruhe inklusive einem tödlichem Duell mit seinem Freund Lenski sorgt. Nach Jahren des Herumirrens trifft er Tatjana wieder, seine nunmehr entflammte Liebe wird nun ehrenhaft von dieser verschmäht.
In Innsbruck inszeniert jetzt Eva-Maria Höckmayr diese Oper der großen Gefühle neu, die sich seit der Uraufführung 1879 in St. Petersburg großer Beliebtheit erfreut. Julia Rösler liefert ein steriles Bühnenbild bestehend aus weißen Quadern, die als Elemente immer wieder verschoben werden und auf der Drehbühne oft in Bewegung gesetzt werden. Die Regie mutet als Psychogramm der Protagonisten an, will aber als solches nicht Fahrt und Spannung aufnehmen. Höckmayr führt zu all den Vorgängen auf der Bühne noch einen neuen Charakter ein. „Sie“ genannt, befindet sich die Schauspielerin Eleonore Bücher ständig als Beobachterin wie ein Fremdkörper auf der Bühne. Zusätzlich spricht sie wenige Worte, die eine weitere Handlungsebene als Rückblick kreieren soll. Dies führt allerdings zu mehr Verwirrung als echtem Mehrwert. Die Personenregie ist statisch, die großen Gefühle fühlen sich als Konfliktstoff an, der sicherlich in dem Werk steckt, aber hier zu keiner schlüssigen Umsetzung kommt. Emsig werden über lange Zeit Papierseiten aufgeklaubt und wieder fallengelassen, die zentrale Briefszene läßt jede Rührung vermissen. Nach der Pause werden Stühle gerückt, langanhaltender Schneefall begleitet die Szenerie. Dramatik kommt durchschlagend im Duell in grellem Lichterschein auf. Widersprüchlich wirken auch die hübsch anzusehenden Kostüme – auch von Julia Rösler – wenn sich im Schneefall dicke Mäntel und Kleider mit Pelzbesatz für das neugierige skandalwitternde Volk mit Sommerkleidern der Protagonisten mischen.
Zum Glück stecken die Gefühle und Konflikte dieses Werkes auch in der großartigen romantischen Musik des Komponisten, die Matthew Toogood mit Akribie und Verve gemeinsam mit dem Orchester der Tiroler Landestheater herausarbeitet. Hier fließen die melancholischen Melodien aus dem Orchestergraben und erfüllen immer wieder den Theaterraum. Präzise und mit weichem Strich treten hier immer wieder die Streicher hervor. Der Chor und Extrachor des Tiroler Landestheaters fügt sich, sehr gut von Michel Roberge im Umgang mit der russischen Sprache vorbereitet, in das Bühnengeschehen ein.
Das junge Sängerensemble erfreut mit durchgängig sehr guten Leistungen. Marie Smolka ist eine zerrissene schüchterne Tatjana, geplagt von Ängsten und unterdrückten Gefühlen, die sie immer wieder durchschimmern lässt. Ihr Sopran ist frisch, hell und klar intoniert mit anmutigen Melodiebögen. Bernarda Klinar ist eine unerotische lustlose Olga, die optisch im dunkelroten Kleid die Szenerie erdrückt. Stimmlich mutet sie mit ihrem kräftigen Mezzosopran als reife selbstbewußte Frau an. Jacob Philipps ist ein vornehmer zurückhaltender Eugen Onegin, der wenig Gefühle und Charakter zeigt. Sein warmer Bariton schmeichelt und läßt sich leicht führen, bleibt aber in Ausdruck in der russischen Sprache sehr monoton. Seinen Freund Lenski mimt Alexander Fedorov, der einzige Russe im Ensemble, der mit seiner aufwühlenden Arie „Kuda kuda“ zum Höhepunkt des Abends führt, Sehnsucht und Schmerz hervorrufend. MIt hellem Timbre und samt unterlegt schmachtet er leicht gezogen in der Höhe und überzeugt mit einer vollen lyrischen MIttellage.
Abongile Fumba ist die Hausherrin Larina und läßt mit ihrer gut sitzenden und gehaltvollen Stimme aufhorchen. Ebenso ist Fotini Athnasaki eine sorgende ehrliche Filipjewna. Der gesamglich gelungene Auftritt von Florian Stern als Triquet wird von der Regie zur schrägen Transvestiteneinlage mit weißen Röckchen und Stöckelschuhen der mit einem unnötigen Selbstmord endet. Anmutig und mit viel Ausdruck singt Johannes Maria Wimmer als Fürst Gremin die Liebesbotschaft an seine angebetete Gemahlin und drückt auch im Spiel dezenten hoheitsvollen Adel aus.
Freundlicher Beifall mit wenigen Bravorufen für die Sänger, Zurückhaltung für das Regieteam im Publikum spürbar
Dr. Helmut Pitsch
23. März 2025 | Drucken
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