Wien: „Cachafaz“ von Oscar Strasnoy als groteske Reise zwischen Tango, Mord, Kannibalismus und Tod

Xl_cachafaz-now-c_armin_bardel-wien-3-25-4 © Armin Bardel

Es ist die Geschichte von zwei Außenseitern am Rande der Gesellschaft. Einer ist der Dieb und Betrüger Cachafaz, der andere sein Transvestitenfreund Raulito. Gemeinsam hausen sie in einer ranzigen Pension in Montevideo. Es ist eine Geschichte über Hunger, Gewalt und Macht und eine längst verrottete Gesellschaft. In einer Welt, in der es ihnen stets an Essen und Geld mangelt, sind beide bereit, grausame Dinge zu tun, um sich aus ihrer pekuniären Notsituation zu befreien. Sie töten Polizisten, die ihnen auf der Spur sind, werden zu Kannibalen und verkaufen ihr Fleisch an die Nachbarn. Doch ihre Taten bleiben nicht folgenlos: Bald holt sie ein mysteriöser Fluch ein, der ihren unausweichlichen Untergang prophezeit. Beide sterben.

Es ist schon eine ziemlich barbarische, abgründige und verstörende Tragödie, in der grotesken, parabelhaften Erzählweise und extrem brachialen Sprache von Copi, ein Künstlername für Raúl Damonte Botana (aus den späten 1980er Jahren, als Argentinien eine Militärdiktatur war), wo die Misstände der Zeit mit scharfem Witz und subversiver Kraft aufgezeigt werden, die der Oper „Cachafaz“ zugrunde liegen.

Diesen Plot hat der argentinisch-französische Komponist Oscar Strasnoy (1970 geboren) 2010 zu seinem achten Musiktheater vertont und entführt in die düstere Welt des Bösewichts Cachafaz. Teils etwas langatmig werden hier traditionell folkloristische wie Tango-Elemente, Jazz, mit vielschichtigen, zeitgenössischen Klängen vereint. Auch Zitate von Verdi (Ouvertüre aus „La forza del destino“) und Mozart (Registerarie aus „Don Giovanni“) sind zu hören. Diese werden als österreichische Erstaufführung quasi am Geburtsort der Neuen Oper Wien, im reaktivierten wunderbaren Juwel des Jugendstiltheaters im sogenannten Otto Wagner Areal, benannt nach dem Architekten, hoch über den Dächern von Wien, vom motivierten und hochkonzentrierten 8-köpfigen amadeus ensemble-wien unter dem Intendanten Walter Kobéra am Pult aufgeführt. Cachafaz wird von Andreas Jankowitsch, Raulito von Felix Heusermit allen diffizilen Passagen sehr ambitioniert auf Spanisch gesungen und gespielt. Der mit dicken Brillen und Kappen sowie weißen Haaren uniform als Kollektiv ausgestattete Wiener Kammerchor (Einstudierung: Bernhard Jaretz) singt und spielt ungemein engagiert.

Auf der mit fleischfarbenen, dicken Matratzen ausgelegten Bühne, die vor dem Kannibalismus noch mit einer schwarzen Plane zugedeckt sind (Ausstattung: Monika Biegler), wo auch das Fleisch der Toten als rosafarbene Stoffteile teils herunterbaumelt, wird in der teils recht schrägen Inszenierung von Benedikt Arnold die Gewalt immer wieder hereingetragen und die Innenwelt sowie die leidenschaftlichen Emotionen der Protagonisten ausgelotet.

Großer Jubel auch für den anwesenden Komponisten.

Dr. Helmut Christian Mayer

 

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